Ölziehen: Was bringt es wirklich?
Beim Ölziehen bewegen Sie einen Esslöffel Pflanzenöl, etwa Kokos- oder Sonnenblumenöl, einige Minuten im Mund und spucken es anschließend aus, und zwar in den Müll, nicht in den Abfluss. Kleine Studien deuten auf eine leichte Verringerung von Bakterien und Plaque hin, die Belege sind aber schwach. Ölziehen ist bei richtiger Anwendung harmlos, entgiftet den Körper nicht und ersetzt weder Zähneputzen noch Zahnzwischenraumpflege.
Woher Ölziehen kommt und was versprochen wird
Ölziehen stammt aus der ayurvedischen Tradition Indiens. In Deutschland wurde es in den 1990er-Jahren bekannt und in sozialen Medien in den letzten Jahren wieder populär. Die Versprechen reichen von frischem Atem und weißeren Zähnen bis zur „Entgiftung“ des ganzen Körpers und der Heilung von Krankheiten außerhalb des Mundes.
Für diese weitreichenden Behauptungen gibt es keine Belege. Ein Öl, das ausgespuckt wird, kann keine Giftstoffe aus dem Körper „ziehen“. Realistisch betrachtet ist Ölziehen eine Form der Mundspülung, deren Effekte sich auf die Mundhöhle beschränken.
Was Ölziehen nach der Studienlage leisten kann
Es gibt eine Reihe kleiner Studien, überwiegend aus Indien, die Ölziehen mit keiner Behandlung oder mit Chlorhexidin verglichen haben. Einige fanden weniger Bakterien im Speichel, weniger Plaque oder weniger Zahnfleischbluten nach einigen Wochen. Übersichtsarbeiten, die diese Studien zusammenfassen, bewerten die Aussagekraft jedoch als gering: wenige Teilnehmende, kurze Dauer, oft keine Verblindung.
Eine Erklärung für mögliche Effekte ist rein mechanisch: Das Öl wird lange durch die Zähne gezogen und nimmt dabei lose Beläge und Bakterien mit. Ähnliches leistet auch längeres Spülen mit Wasser. Eine spezifische Wirkung bestimmter Öle ist nicht sicher belegt.
Zahnmedizinische Fachgesellschaften empfehlen Ölziehen nicht als Ersatz für etablierte Maßnahmen. Wer es als Ritual schätzt, kann es ergänzend durchführen, solange Putzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta und die Reinigung der Zwischenräume nicht zu kurz kommen.
Ölziehen im Vergleich zu Mundspülungen
| Merkmal | Ölziehen | Wirkstoff-Mundspülung |
|---|---|---|
| Dauer | 5 bis 20 Minuten | meist 30 bis 60 Sekunden |
| Wirkung gegen Plaque | schwach belegt | je nach Wirkstoff gut belegt, z. B. Chlorhexidin, ätherische Öle |
| Kariesschutz | nein, kein Fluorid | bei fluoridhaltigen Spülungen ja |
| Nebenwirkungen | selten, Übelkeit, Verschlucken | je nach Wirkstoff Verfärbungen, Brennen, Geschmacksstörung |
| Alkohol | nein | je nach Produkt |
Wer gezielt etwas gegen Zahnfleischentzündung tun will, findet unter Mundspülung bei Zahnfleischentzündung Wirkstoffe mit besserer Studienlage. Eine Übersicht über weitere Hausmittel und ihre Bewertung bietet der Faktencheck Hausmittel.
Welches Öl eignet sich zum Ölziehen?
- Sonnenblumenöl: traditionell in Deutschland verbreitet, mild im Geschmack, günstig.
- Kokosöl: beliebt wegen des Geschmacks. Es ist bei Zimmertemperatur fest und schmilzt im Mund. Es enthält Laurinsäure, der im Labor antibakterielle Eigenschaften zugeschrieben werden. Ein klarer Vorteil im Mund ist nicht belegt.
- Sesamöl: in der ayurvedischen Tradition üblich, geschmacklich intensiver.
Verwenden Sie kaltgepresstes Speiseöl in Lebensmittelqualität. Ätherische Öle wie Teebaumöl sollten Sie nicht hinzufügen: Sie können die Schleimhaut reizen, und Teebaumöl ist beim Verschlucken giftig.
Anleitung: So machen Sie Ölziehen richtig
- Zeitpunkt: traditionell morgens vor dem Frühstück und vor dem Zähneputzen.
- Menge: einen Esslöffel Öl in den Mund nehmen, Kokosöl kurz schmelzen lassen.
- Ziehen: das Öl langsam durch die Zähne saugen und im Mund bewegen. Beginnen Sie mit 5 Minuten, traditionell werden bis zu 20 Minuten genannt.
- Nicht schlucken: Das Öl ist nach dem Ziehen mit Bakterien und Belägen vermischt.
- In den Müll spucken: Spucken Sie das Öl in ein Küchenpapier oder Taschentuch und werfen Sie es in den Restmüll.
- Nachspülen und putzen: den Mund mit warmem Wasser ausspülen und danach wie gewohnt mit fluoridhaltiger Zahnpasta putzen.
Warum das Öl nicht in den Abfluss gehört
Öl erstarrt in kalten Rohren, vor allem Kokosöl, das schon unter etwa 25 °C fest wird. Es lagert sich an den Rohrwänden ab, bindet weitere Ablagerungen und kann den Abfluss mit der Zeit verstopfen. Auch in die Toilette sollten Sie es nicht spucken, denn Fett belastet Kanalisation und Kläranlagen. Der richtige Weg ist ein Papiertuch im Restmüll.
Risiken und für wen Ölziehen nicht geeignet ist
Bei gesunden Erwachsenen ist Ölziehen in der Regel unproblematisch. Wird das Öl versehentlich eingeatmet, kann es in seltenen Fällen zu einer Lungenentzündung durch Fett (Lipidpneumonie) kommen, darüber gibt es Fallberichte. Verzichten Sie deshalb auf Ölziehen, wenn Sie Schluckbeschwerden haben oder sich leicht verschlucken. Für Kinder ist die Methode nicht geeignet. Bei Übelkeit oder Brechreiz brechen Sie ab.
Wann zum Zahnarzt? Ölziehen ist keine Behandlung. Lassen Sie sich untersuchen, wenn:
- Zahnfleischbluten länger als zwei Wochen anhält
- Zahnschmerzen, Schwellungen oder lockere Zähne auftreten
- Mundgeruch trotz guter Pflege bestehen bleibt
Wer eine milde Ergänzung ohne Wirkstoffe sucht, kann auch zu einer Salzwasserspülung greifen oder eine natürliche Mundspülung wählen. Gegen Mundgeruch hilft die Reinigung der Zunge meist mehr, siehe Zungenreiniger.
Häufige Fragen
Macht Ölziehen die Zähne weißer?
Ein Bleicheffekt ist nicht belegt. Das Öl kann allenfalls lose Auflagerungen lösen, die Zahnfarbe selbst ändert es nicht. Für hellere Zähne sind professionelle Zahnreinigung oder ein Bleaching in der Praxis die wirksameren Wege.
Wie lange dauert es, bis Ölziehen wirkt?
Ein frischeres Mundgefühl spüren viele direkt danach. Für messbare Effekte auf Plaque oder Zahnfleisch wurden in Studien meist mehrere Wochen täglicher Anwendung untersucht. Ein sicherer Zeitrahmen lässt sich wegen der schwachen Datenlage nicht angeben.
Kann ich Ölziehen mit einer Zahnspange oder mit Implantaten machen?
Grundsätzlich ja, es schadet weder Brackets noch Implantaten. Die gründliche Reinigung rund um Spange und Implantate ist aber deutlich wichtiger und darf nicht ersetzt werden.
Ist Ölziehen in der Schwangerschaft erlaubt?
Mit Speiseöl gibt es keine bekannten Bedenken, solange Sie das Öl nicht schlucken. Bei Übelkeit oder Würgereiz, der in der Schwangerschaft häufig ist, sollten Sie darauf verzichten.
Dieser Ratgeber informiert allgemein und ersetzt keine zahnärztliche oder ärztliche Untersuchung. Bei anhaltenden oder starken Beschwerden wenden Sie sich bitte an Ihre Zahnarztpraxis. Bei Arzneimitteln gilt: Packungsbeilage lesen und bei Fragen Ärztin, Arzt oder Apotheke fragen.